Fabio

Erziehen oder gefallen wollen?

22. Januar 2026

Eine essayistische Auseinandersetzung mit der Kritik von Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach an modernen Erziehungsmethoden.

Konflikt zwischen Eltern und Kindern: https://www.deutschlandfunkkultur.de/familie-kinder-gewaltfreie-erziehung-praevention-hilfe-100.html

Kann man von der älteren Generation lernen? Diese Frage wirkt auf den ersten Blick einfach, fast selbstverständlich. Doch je länger ich mich mit ihr beschäftige, desto klarer wird mir, wie viel Unsicherheit sie in sich trägt. Besonders im Bereich der Erziehung scheint sich ein grundlegender Wandel vollzogen zu haben. Während frühere Generationen stärker auf Autorität und Distanz setzten, bemühen sich heutige Eltern zunehmend um Nähe und Gleichberechtigung. Dabei stellt sich für mich weniger die Frage, welcher Erziehungsstil besser ist, sondern vielmehr, warum Eltern heute so grosse Angst davor haben, die Zuneigung ihrer Kinder zu verlieren.

Ein Interview mit dem Erziehungswissenschaftler Roland Reichenbach greift genau diesen Punkt auf. Er kritisiert, dass viele Eltern ihren Kindern zu stark auf Augenhöhe begegnen und dabei ihre Rolle als erziehende Autorität vernachlässigen. Gleichzeitig betont er jedoch, dass auch frühere Erziehungsmodelle problematische Seiten hatten. Beim Lesen seiner Aussagen begann ich mich zu fragen, ob der Wunsch nach Nähe nicht manchmal dazu führt, dass Eltern notwendige Grenzen vermeiden. Nicht aus Rücksicht auf das Kind, sondern aus Angst, selbst abgelehnt zu werden. Eine Frage aus dem Interview hat mich dabei besonders beschäftigt:

Warum war die ältere Generation kritischer gegenüber dem eigenen Kind? Früher schien elterliche Liebe weniger an Zustimmung oder Dankbarkeit gebunden zu sein. Heute hingegen entsteht oft der Eindruck, dass Eltern um die Anerkennung ihrer Kinder bemüht sind. Dies kann dazu führen, dass Kinder verteidigt werden, selbst wenn sie offensichtlich im Unrecht sind. Die Konsequenzen eines solchen Verhaltens bleiben dabei häufig aus.

Ein Erlebnis aus der Kindheit eines Freundes verdeutlicht diese Entwicklung. Tim war als Kind auffällig rebellisch, frech und respektlos. Dennoch wurde sein Verhalten von den Eltern konsequent entschuldigt. Vor Lehrpersonen und der Schulleitung nahmen sie ihn stets in Schutz und interpretierten sein Verhalten als harmlosen Entwicklungsprozess. Rückblickend frage ich mich, ob Tim dadurch wirklich unterstützt wurde oder ob ihm vielmehr Orientierung fehlte. Die ständige Rückendeckung schien ihn nicht zu bremsen, sondern eher zu ermutigen, Grenzen weiter auszutesten. Dieses Beispiel zeigt weniger ein „schlechtes Kind“ als vielmehr Eltern, die Konflikte vermieden. Möglicherweise aus Angst, ihre Beziehung zum eigenen Sohn zu gefährden.

Ein weiterer Aspekt, der im Vergleich der Generationen immer wieder auftaucht, sind Strafen. Früher wurden Kinder schneller und härter bestraft, teilweise auch körperlich. Heute erscheint uns das zu Recht als falsch. Dennoch lohnt sich ein genauerer Blick: Die Strenge früherer Erziehung sollte klare Konsequenzen aufzeigen und Ordnung schaffen. Gleichzeitig führte sie nicht selten zu Angst, Distanz und innerem Widerstand. Gewalt kann keine Lösung sein, doch sie wirft die unbequeme Frage auf, ob heutige Erziehungsmethoden immer wirksam sind oder ob sie manchmal eher dem Bedürfnis der Eltern nach Harmonie dienen als dem Entwicklungsbedarf der Kinder.

Natürlich kann man früheren Generationen keinen pauschalen Vorwurf machen. Viele Eltern handelten nach den damaligen gesellschaftlichen Normen und Erfahrungen. Wer selbst streng oder gewaltsam erzogen wurde, übernahm dieses Verhalten oft unreflektiert. Heute verfügen wir über mehr Wissen und bessere Unterstützungssysteme, was ein grosser Fortschritt ist. Dennoch bedeutet Fortschritt nicht automatisch Verbesserung in allen Bereichen.

Wenn man all diese Überlegungen zusammennimmt, wird deutlich, dass weder der frühere noch der heutige Erziehungsstil ideal ist. Nähe ohne Grenzen kann ebenso problematisch sein wie Autorität ohne Verständnis. Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung darin, beides miteinander zu verbinden. Für mich bedeutet das, von der älteren Generation nicht deren Strenge zu übernehmen, sondern ihre Konsequenz, und von der heutigen Generation nicht ihre Unsicherheit, sondern ihre Sensibilität. Vielleicht sollten wir uns öfter fragen, ob Erziehung dazu dient, geliebt zu werden oder Kindern Halt zu geben.