Fabio

Wenn Realität trügt: Moderne Literatur und Film im Vergleich

22. Januar 2026

Ein Text über die modernen literarischen Elemente im Film Fight Club

Filmszene aus dem Film "Fight Club" https://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/the-men-who-still-love-fight-club

Im Unterricht haben wir uns sehr genau und intensiv mit dem Roman "der Process" von Franz Kafka auseinandergesetzt. Der Roman beginnt damit, dass der Prokurist Josef K. an seinem Geburtstag von zwei Männern verhaftet wird, ohne auch nur zu wissen, was er getan haben soll. Trotz dieser Verhaftung kann er sein Leben scheinbar normal weiterführen, was die Situation von Beginn an widersprüchlich und verunsichernd macht.

Wir haben erkannt, dass der Roman in der Schreibweise der modernen Literatur verfasst ist. Die Hauptfigur Josef K. ist dafür ein besonders prägnantes Beispiel. Im Verlauf der Geschichte kann man ihm immer weniger trauen. Dies ist von Kafka bewusst so angelegt, sodass der Leser keinen festen Boden unter den Füssen hat, sich ebenso unsicher fühlt wie Josef K. selbst und erkennt, dass Schuld und Macht nicht objektiv, sondern subjektiv erlebt werden.

Obwohl der Roman in der dritten Person erzählt ist, folgt der Text fast durchgehend Josef K.s Gedanken, seinen eigenen Einschätzungen und Rechtfertigungen. Der Leser sieht und erlebt die Welt nahezu ausschliesslich aus seiner Perspektive, die jedoch zunehmend verzerrt erscheint. Dadurch wird es immer schwieriger, zwischen objektiver Realität und subjektiver Wahrnehmung zu unterscheiden.

Kafka gestaltet Josef K. bewusst als eine Figur, der man nicht vollständig trauen kann. Der Leser erlebt die Handlung fast ausschliesslich aus seiner Sicht, die stark von Selbstrechtfertigung, Überheblichkeit und Verdrängung geprägt ist. Auf diese Weise entsteht dieselbe Unsicherheit, der auch Josef K. im Verlauf des Prozesses ausgeliefert ist. Schuld wird bei Kafka nicht objektiv geklärt, sondern subjektiv erfahren.

Die Unzuverlässigkeit der Hauptfigur ist daher kein Fehler, sondern ein zentrales Stilmittel, um das kafkaeske Gefühl von Orientierungslosigkeit und Machtlosigkeit zu erzeugen. Der Begriff „kafkaesk“ bezeichnet Situationen, in denen Menschen sich einer unverständlichen, anonymen Macht ausgeliefert fühlen, ohne zu wissen, wie sie sich verteidigen können. Dass dieser Begriff bis heute verwendet wird, zeigt, wie prägend Kafkas Roman für die Literatur des 20. Jahrhunderts geworden ist.

Fight Club und moderne Literatur?

Auch ausserhalb der Literatur lassen sich Werke finden, die zentrale Merkmale moderner Literatur aufgreifen. Ein besonders passendes Beispiel dafür ist der Film «Fight Club» (1999) von David Fincher. Der Film erzählt die Geschichte eines namenlosen Ich-Erzählers, der ein scheinbar geordnetes Leben führt, innerlich jedoch zunehmend unter Leere, Schlaflosigkeit und Identitätsproblemen leidet. Er arbeitet in einem Bürojob, ist gefangen in der Konsumwelt und versucht, seinem Leben durch materielle Dinge einen Sinn zu geben. Bereits zu Beginn wird deutlich, dass seine Wahrnehmung der Realität instabil ist.

Im Verlauf des Films lernt der Erzähler Tyler Durden kennen, eine charismatische und radikale Figur, die alles verkörpert, was dem Erzähler fehlt. Freiheit, Selbstbewusstsein und Rebellion gegen gesellschaftliche Normen. Gemeinsam gründen sie den sogenannten «Fight Club», in dem Männer sich in illegalen Faustkämpfen messen, um sich wieder lebendig zu fühlen. Was zunächst wie ein Ventil gegen den Druck der modernen Gesellschaft wirkt, entwickelt sich zunehmend zu einer extremen, gewalttätigen Ideologie. Erst am Ende des Films wird klar, dass Tyler Durden keine eigenständige Person ist, sondern eine abgespaltene Persönlichkeit des Erzählers selbst. Dadurch wird rückwirkend deutlich, dass die gesamte Handlung aus der Perspektive eines unzuverlässigen Erzählers geschildert wird.

Diese Erzählweise weist starke Parallelen zu Franz Kafkas Der Process auf. Wie bei Josef K. erleben wir auch in Fight Club die Handlung fast ausschliesslich aus der subjektiven Sicht der Hauptfigur. Der Zuschauer sieht und glaubt zunächst das, was der Erzähler wahrnimmt, ohne diese Perspektive zu hinterfragen. Erst später wird klar, dass diese Wahrnehmung verzerrt ist. Ähnlich wie bei Josef K. fehlt ein objektiver Überblick über das Geschehen, was beim Leser beziehungsweise Zuschauer Unsicherheit auslöst. Dies ist ein zentrales Merkmal moderner Literatur.

Sowohl Josef K. als auch der Erzähler in Fight Club versuchen, ihre Situation rational zu erklären und zu kontrollieren. Josef K. ist überzeugt von seiner Unschuld und glaubt lange Zeit, das Gerichtssystem durch Logik durchschauen zu können. Der Erzähler hingegen rechtfertigt sein Handeln, indem er seine inneren Konflikte auf Tyler Durden projiziert. In beiden Fällen zeigt sich eine starke Selbsttäuschung. Die Figuren nehmen sich selbst als handelnde, kontrollierende Personen wahr, obwohl sie in Wirklichkeit immer mehr die Kontrolle verlieren. Genau dadurch werden sie zu unzuverlässigen Figuren.

Ein weiteres verbindendes Element ist das Thema Macht und Ohnmacht. In Der Process ist es eine anonyme, undurchschaubare Justiz, der Josef K. ausgeliefert ist. In Fight Club ist es die moderne Konsumgesellschaft, die den Menschen durch Leistungsdruck, Rollenbilder und Erwartungen kontrolliert. Beide Hauptfiguren fühlen sich fremdbestimmt und suchen verzweifelt nach einem Ausweg. Dabei geraten sie jedoch immer tiefer in Strukturen, die sie nicht mehr verstehen oder beeinflussen können. Die unzuverlässige Perspektive verstärkt dieses Gefühl der Orientierungslosigkeit.

Wie in der modernen Literatur wird auch in Fight Club keine eindeutige Wahrheit präsentiert. Zwar werden am Ende Zusammenhänge aufgedeckt, dennoch bleiben viele Fragen offen, etwa nach Identität, Schuld und Verantwortung. Der Zuschauer wird nicht mit einer klaren moralischen Antwort entlassen, sondern mit Unsicherheit. Diese Offenheit ist typisch für moderne Literatur und steht im starken Gegensatz zu klassischen Erzählformen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Fight Club viele zentrale Merkmale moderner Literatur aufgreift: eine unzuverlässige Hauptfigur, subjektive Wahrnehmung, Identitätskrisen und gesellschaftliche Kritik. Wie Josef K. ist auch der Erzähler keine Figur, der man vollständig trauen kann. Gerade diese Unzuverlässigkeit ist jedoch ein bewusst eingesetztes Stilmittel, das den Leser beziehungsweise Zuschauer dazu zwingt, die dargestellte Realität kritisch zu hinterfragen. Dadurch wird deutlich, dass moderne Literatur und moderner Film ähnliche erzählerische Mittel nutzen, um Unsicherheit und Machtlosigkeit erfahrbar zu machen.